Wir befinden uns mitten in einem unfreiwilligen globalen Experiment. Während wir glauben, uns nur kurz mit ein paar Reels oder TikToks zu entspannen, findet in unserem Kopf eine tiefgreifende biologische Umprogrammierung statt. Experten warnen vor einer „Epidemie der Sinnlosigkeit“ und der Zerstörung unserer kognitiven Fähigkeiten.
Dies ist eine Zusammenfassung der Kernaussagen aus diesem Podcast, in dem der Sozialpsychologe Jonathan Haidt und die Harvard-Ärztin Dr. Aditi Nerurkar darüber sprechen, wie Kurzvideos das Gehirn braten und vor allem bei Kindern zu nachhaltigen Schädigungen führen. Aber wie auch (junge) Erwachsene dadurch eine Neuverdrahtung des Gehirns erfahren und welche Auswirkungen das auf die Gesellschaft hat.
Das Problem: Die „Skinner-Box“ in der Hosentasche
Früher war Fernsehen passiv. Heute ist das Smartphone eine interaktive Belohnungsmaschine. Die Experten vergleichen die Nutzung mit einer sogenannten „Skinner-Box“: Ein psychologisches Experiment, bei dem Tiere durch zufällige Belohnungen auf ein bestimmtes Verhalten trainiert werden.
Jeder Swipe nach unten ist wie der Hebel an einem Spielautomaten. Das Gehirn wird darauf getrimmt, nur noch auf sofortige, kurze Reize zu reagieren. Die Folge: Wir verlieren die Fähigkeit, uns länger als ein paar Minuten am Stück auf eine Sache zu konzentrieren.
„Brain Rot“ – Wenn das Gehirn seine Struktur verliert
Der Begriff „Brain Rot“ (Hirnfäule) beschreibt einen messbaren Zustand. Durch die ständige Flut an High-Speed-Content wird der präfrontale Cortex – das Kontrollzentrum für Vernunft und Aufmerksamkeit – geschwächt.
- Aufmerksamkeitsspanne: Wir verlieren die Fähigkeit, komplexe Aufgaben ohne Ablenkung zu bewältigen.
- Gedächtnisverlust: Studien deuten darauf hin, dass exzessiver Kurzvideo-Konsum die Gedächtnisleistung massiv mindern kann.
- Biologischer Stress: Das ständige Scrollen erhöht das Risiko für chronischen Stress und psychische Erkrankungen.
Die verlorene Kindheit und die „Generation Angst“
Seit der weiten Verbreitung von Smartphones um das Jahr 2012 sind Depressionen und Angstzustände bei Jugendlichen sprunghaft angestiegen. Die menschliche Kindheit ist auf echte soziale Interaktion ausgelegt. Wenn Algorithmen diesen Raum einnehmen, fehlen dem Gehirn wichtige Reize für Empathie und tiefes Denken. Wir ersetzen echtes Erleben durch digitales „Doomscrolling“.
KI-Chatbots: Die nächste Stufe der Sucht
Die Experten warnen vor der neuen Welle der KI-Chatbots. Diese können als „Echokammer für eine Person“ fungieren. Die KI spiegelt uns genau das wider, was wir hören wollen, was zu einer Verzerrung der Realität führt und die soziale Isolation weiter verstärken kann.
Der Ausweg: Zurück in die Realität
Unser Gehirn kann sich erholen. Die Experten raten zu folgenden Schritten:
- Kurzvideos reduzieren oder löschen: Der effektivste Weg, um die eigene Konzentration zurückzugewinnen.
- Analoge Hobbys fördern: Aktivitäten wie Lesen, Sport oder Musik helfen dem Gehirn, sich gesund zu verdrahten.
- Klare Altersgrenzen: Smartphones und soziale Medien sollten erst in einem reiferen Alter (ab ca. 16 Jahren) uneingeschränkt genutzt werden.
- Aufmerksamkeit zurückerobern: Bewusste Präsenz im Moment ist die Grundlage für psychische Gesundheit.
Meine 5 Cent dazu
Die Epidemie ist in vollem Gange und man merkt das an jeder Stelle. Menschen ziehen sich zurück in die Einsamkeit, entwickeln Depressionen durch mehr und mehr Konsum der kurzweiligen Medien, die mit Absicht daraufhin optimiert werden, Suchtverhalten zu maximieren. Mensch zu Mensch-Interaktionen stagnieren stark oder werden auf einem äußerst flachen Niveau gehalten, sodass beide Parteien keine Learnings oder sonst etwas daraus ziehen können. Die Lockerheit einer simplen Unterhaltung mutiert in ein stress behaftetes Szenario und führt zu noch mehr negativen Aspekten.
In meinem letzten Job hatte ich viele Gen Z Kollegen. Der Versuch, tiefgründige Unterhaltungen mit ihnen zu führen, scheiterte häufig bereits im Ansatz. Jede Aussage wurde sofort als direkter Angriff interpretiert, auch wenn im Scherz gesagt. Und es folgte oftmals der direkte Rückzug aus der Unterhaltung. Das überraschte mich, denn von Millennials kannte ich dieses Verhalten nicht. Zuerst habe ich mir selbst die Schuld gegeben, aber nachdem ich mich mit dem Thema befasst, Literatur konsumiert und mit vielen Menschen darüber gesprochen habe, stelle ich fest, dass es ein bekanntes, neuzeitliches Phänomen ist, welches durch die o.g. Thematik signifikant verstärkt wird. Der Mangel an Selbstbewusstsein, Kritikfähigkeit (Safetyism) und generell menschlicher Interaktion in Verbindung mit dem täglichen Konsum an Medien, die wirklich alles durch den Fleischwolf drehen, lässt kaum noch Raum für Objektivität. Durch die digitale Umprogrammierung findet soziale Interaktion für viele nur noch in kontrollierten, algorithmisch gefilterten Räumen statt. Ein echtes Gegenüber, das eine andere Meinung hat oder einen Scherz macht, wird nicht mehr als Bereicherung, sondern als „Systemfehler“ oder Bedrohung wahrgenommen. Wenn man das Gehirn darauf trainiert, bei jedem Anflug von Langeweile oder Stress zu swipen, verlernt man die Resilienz, die für ein tiefgründiges Gespräch nötig ist. Wie soll denn dann eine tiefgründige Unterhaltung möglich sein?
So wie es derzeit aussieht, wird dieses Problem in den nächsten Jahren einen verheerenden Effekt auf die Menschheit haben. Daraus werden auch neue Geschäftsmodelle entstehen: Angebote, wie man sie bereits aus Japan kennt, bspw. “Freundin/Freund mieten”, “Mann/Frau mieten”, “Gesprächspartner mieten”, “Umarmungen bestellen”, “Körperliche Nähe bestellen” usw. werden auch bei uns zu “Verkaufsschlagern”.
Das Paradox: Wir sind so vernetzt wie nie zuvor, aber die „Qualität“ der Verbindung ist so dünn geworden, dass wir anfangen, Grundbedürfnisse wie Nähe und echtes Gehörtwerden zu monetarisieren. Was früher organisch in Gemeinschaften passierte, wird zum Luxusgut.
Auch wenn die Suizidrate sich drastisch erhöht, wird die Mehrheit der Menschen versuchen, eine Lösung zu finden. Eine temporäre Lösung werden die genannten Modelle sein, eine nachhaltige Lösung werden Offline/Analog-Retreats sein, in denen man abseits von Medien in der Natur mit “echten” Menschen wieder interagieren/kommunizieren kann. Psychologen werden zum aussterbenden Modell und nur für verschreibungspflichtige Medikamente zuständig, die die Symptome lindern, aber niemals das Problem an der Wurzel behandeln. Holistische Ansätze werden die einzige Option sein, einen Menschen ganzheitlich “wiederherzustellen”.

