Das Haus am See: Grenzerfahrungen

Irgendwo im Nirgendwo in Mittelschweden steht ein Haus am See. Von der Hauptstraße fährt man auf einem Schotterweg fast eine halbe Stunde durch Wälder, die so dicht sind, dass man als Mensch kaum durch das Geäst passt.

Die Straßen werden mit einem 6-achsigen Harvester in den Wald geschlitzt, die den zu 90% aus Urgestein bestehenden Boden mit aller Gewalt aufsprengen. Anschließend werden komplette Kies- und Schotterproduktionstraßen mittels LKW an Ort und Stelle verfrachtet, aufgebaut und produzieren aus dem Material, das in Hülle und Fülle vorhanden ist, die Steinschicht für die Schneise, die man anschließend als Straße bezeichnet.

Aber zurück zum Haus: Es steht am Wasser, vielleicht 5 Meter vom Ufer entfernt, eingemottet in alten Baumbestand, der es komplett zu schlucken scheint. Der See ist nicht sonderlich groß und man blickt mit Leichtigkeit auf die gegenüberliegende Seite. Dafür ist er etwas länger, circa 6-7km; und beinahe komplett naturbelassen. Das Wasser ist durchsichtig und man kann in Ufernähe bis zum Boden schauen, wenn die Sonne scheint.

Wir, mein Bruder und ich, sind alleine hier. Für drei Wochen. Drei Wochen ohne Strom und ohne fließendes Wasser. Ein Plumpsklo und Gas zum Kochen sind die einzigen “Luxusobjekte” auf diesem Grundstück. Die Betten äußerst schlicht, ebenso wie die Gesamtausstattung des Hauses. Ein Kamin fristet in der Ecke sein Dasein. Ach ja, nicht zu vergessen: Ein gasbetriebener Kühlschrank. 

Spartanische Verhältnisse für drei Wochen. Kann man damit zufrieden sein? Wäre ein Hotel in einem quirligen Städtchen an der spanischen Mittelmeerküste nicht eine bessere Wahl gewesen? Vor allem in Anbetracht der ca. 22-stündigen Anfahrt – 1850 Kilometer?

Wir sind hier, weil wir uns entstressen wollen. Und das klappt nur hier, weit abseits von Menschen und von den Dingen, die Menschen den lieben langen Tag so tun. Hier fehlt sämtlicher Input: Verkehr, Geschrei und generelle Alltagsgeräusche. Die Geräuschkulisse an diesem Ort besteht hauptsächlich aus dem Rauschen des Windes, sofern es windet und ab und an, aber doch selten, aus Vogellauten. Die Nächte sind vollkommen still.

Bereits nach wenigen Tagen beginnt der Kopf seinen Entspannungsprozess. Das merkt man deutlich. Verspannungen lösen sich, Gedanken werden sortiert und irgendwann – der Übergang ist fließend – merkt man, dass man im Moment angekommen ist. Man ist einfach nur noch im Jetzt. Keine Gedanken an Vergangenes, keine Gedanken an Zukünftiges. Es fällt uns sogar schwer, darüber nachzudenken, was wir essen möchten. Und so entscheiden wir häufig spontan. Und es ist immer gut.

Die Feuerstelle direkt am Wasser nutzen wir fast durchgehend. Der Geruch des Feuers versetzt uns unbewusst in einen entspannten Urzustand. Es gibt kaum etwas Schöneres als morgens direkt nach dem Aufstehen sich in die Sonne zu setzen, einen Kaffee zu trinken, das Feuer zu zünden und sich vom Qualm benetzen zu lassen. Das Knistern wirkt meditativ und der Geruch erweckt ein Gefühl von Geborgenheit.

Die gusseiserne Pfanne ist das meistgenutzte Küchenutensil, vor allem am und im Feuer. Darauf werden Frühstück, Mittag, Abendessen und sämtliche Zwischenmahlzeiten zubereitet. Mehr braucht man eigentlich nicht.

Den Gasherd nutzen wir zumeist nur zum Wasserkochen. Das Wasser kommt aus einer Quelle ca. 1.6km vom Haus entfernt.

Duschen? Ab in den See. Einfach ein Stück Seife mitnehmen. Reicht. Und riecht. Wenn es mal wie aus dem Eimer regnet, kann man auch einfach im Regen duschen. Vor der Tür. Nackt. Wen interessierts? Hier ist niemand.

Man badet nackt, Mann läuft nackt in der Sonne herum und lässt das Sonnenlicht auf die Körperpartien fallen, wo normalerweise die Sonne niemals hinscheint.

Durch die Waldmassen und den nicht vorhandenen Dunst von Vehikeln hat die Luftqualität hier ein gänzlich anderes Level. Die Lunge lechzt förmlich nach der reinen Luft. Das Laufen fällt einem einfacher, weil die Sauerstoffversorgung optimal ist. Keine Ablagerungen an den fürs Atmen zuständigen Körperöffnungen. Das versteht und spürt man nur, wenn man diese Qualität an diesem Ort genießen durfte.

Und das Sahnehäubchen: Das repetitive Auswerfen und wieder Einholen der Angel. Vom Ufer aus, aus einem Busch heraus, vom Boot aus oder vom Kajak, vom Ufer der unzähligen kleinen Inseln oder einfach von einem Stein, den man aus dem Boot betreten hat und der einfach mitten aus dem Wasser herausragt. Ja und dann sind da die unzähligen Fischerlebnisse: Barsche und Hechte. Viele Barsche und Hechte.

Der Fischbestand ist natürlich und nicht überangelt – Fast alle Köder, die man dem Fisch präsentiert, werden in Erwägung gezogen.

Wir sind nur noch im Moment. Keine Gedanken an Vergangenes, keine an Zukünftiges. Komplette Entspannung.

Stress? Was zur Hölle war das nochmal?

Ab und an gibt es Regen. Wenn, dann meistens nur kurz. Der See liegt in einer Windschneise und so verweilen Wolken nicht allzu lang an Ort und Stelle. Manchmal gibt’s ‘nen Regenbogen. Manchmal auch zwei.

Und auch nach drei Wochen des Amfeuersitzens und Indiegegendestarrens wird der Anblick nicht langweilig. Immer wieder entdecken wir neue Facetten und genießen die purpurnen Sonnenuntergänge, die hier im Norden nicht wirklich zum Abschluss kommen. Umso schöner. Manchmal sitzen wir bis Mitternacht am Feuer, bis die Augen zufallen. Mit einem Tee in der Hand und einem Lächeln im Gesicht.

Würde man mich in dieser Zeit fragen, ob ich etwas vermisse, würde meine Antwort lauten: Keineswegs. Weder fließend heißes Wasser noch eine Toilettenspülung. Computer, Internet, Kultur? Ach, scheiß doch drauf! Bequemes Bett, Küchen-/Kaffee-/Spülmaschine, Restaurants? Nope, nicht nötig. Es ist alles da! Nicht zu viel, aber mehr als ausreichend. Nicht sonderlich bequem, aber funktional. Braucht man mehr? Brauche ich mehr?? Braucht ein Mensch mehr?

Sobald man zufrieden ist mit sich selbst, spielt Materielles nur eine Nebenrolle – Ist also maximal Nice to have und oftmals störend. Nur die gute Gesellschaft lässt sich auf Dauer nicht wegrationalisieren. Deshalb bin ich froh, meinen Bruder an meiner Seite zu wissen.

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